02.01.2026

Die Zeit Beitrag: Würmchen, die einleuchten.

Im Walter Zoo in Gossau spielen bald Glühwürmchen die Hauptrolle – und nicht mehr die Giraffen

Die Höhle soll aussehen, als sei ein Stück Nachthimmel unter die Erde gefallen. In einem Boot gleitet man lautlos übers Wasser. Unter einem schimmert das fluoreszierende Plankton, über einem erhellen Zehntausende Lichtpunkte die Wände und die Decke: Glühwürmchen.

So stellt sich das Karin Federer vor, die Direktorin des Walter Zoos. In einem zweistöckigen Neubau auf 4'000 Quadratmetern soll bis 2027 hier in Gossau in der Ostschweiz eine weltweit einzigartige Anlage entstehen. Nicht nur mit Raubkatzen, Affen oder anderen spektakulären Wildtieren will der Walter Zoo seinen Besuchern imponieren, sondern mit kleinen Larven und Insekten, die ökologische Zusammenhänge erklären sollen. „Manchmal zeigen ausgerechnet die kleinsten Wesen, wie verletzlich ein ganzes System sein kann und wie viel es bedeutet, es zu schützen“, sagt Federer.

In einem kleinen Zuchtraum abseits der Besucherpfade hängen schon heute Lehmplatten an der Decke, auf denen die Larven von einigen Hundert australischen Glühwürmchen sitzen. Hier wächst das Ökosystem, das die Höhle künftig erhellen soll. Die feinen weißen Fäden, die die Larven absondern, wirken im Licht wie winzige Tropfenketten, die sich zu einem natürlichen Kronleuchter ordnen. Im Dunkeln werden daraus Hunderte bläuliche Punkte. Sie lassen erahnen, wie der Nachthimmel in der Höhle dereinst aussehen wird.

Einige der Glühwürmchenlarven leuchten kräftiger, andere schwächer – je nachdem, wie hungrig sie gerade sind. In der Natur locken sie Wasserinsekten mit ihrem Licht an, die sich in den klebrigen Fäden verfangen. Im Zoo werden sie mit Fruchtfliegen gefüttert. Monatelang leben die Larven in diesem Zustand. Dann schlüpfen aus ihnen kleine, kurzlebige Mücken.

Die Tiere im Gossauer Zuchtraum stammen aus einem Zoo in Tokio, der seit Jahren eine kleine Population australischer Glühwürmchen hält. Die Ostschweizer fragten, ob sie ein paar Exemplare haben könnten. Inzwischen sind daraus 600 Glühwürmchen geworden – und sie sollen sich weiter vermehren. In der Höhle können unter idealen Bedingungen 20'000 bis 40'000 von ihnen leben.

Der Walter Zoo ist ein Familienbetrieb. Karin Federer ist hier aufgewachsen und führt ihn in dritter Generation. Wie ist sie auf die Glühwürmchen gekommen? In einem Besprechungsraum mit Blick auf das Tigergehege erzählt sie von einer Reise nach Australien, wo sie nachts eine Glühwürmchenhöhle besuchte. Seither hätten sie die Tierchen nicht mehr losgelassen. Noch auf der Reise begann sie zu recherchieren, sprach mit Fachleuten und prüfte, ob sich ein solches Ökosystem auch in der Schweiz aufbauen liesse.

Ob es gelingen kann, eine öffentlich zugängliche Glühwürmchenanlage dieser Grössenordnung zu betreiben, ist unklar. Vor Federer hat es niemand versucht. Zusammen mit einer Mitarbeiterin hat sie sich in monatelanger Arbeit das Zucht-Know-how selbst angeeignet. Sie haben mit der Fütterung und der Luftfeuchtigkeit experimentiert, um die bestmöglichen Bedingungen zu finden. „Glühwürmchen sind ehrliche Tiere“, sagt sie. Will heissen: sensibel. Schon kleine Abweichungen bei der Feuchtigkeit, der Temperatur oder den Luftbewegungen können ihre Entwicklung beeinträchtigen.

Gerade brüten Federer und ihre Mitarbeiterin darüber, mit welchem Gestein sie die Höhle auskleiden sollen. Sie testen, ob sich die Larven auf Marmor, Sandstein oder Travertin am wohlsten fühlen. „Wir hoffen, dass es nicht Marmor ist, das wäre sehr teuer“, sagt Federer.

Das Projekt ist aber nicht nur technisch ambitioniert, sondern auch finanziell ein Hosenlupf. Die grossen Zoos in Zürich oder Basel werden mit Millionenbeträgen von der öffentlichen Hand mitfinanziert. Der Walter Zoo erhält pro Jahr lediglich 150'000 Franken von der Stadt Gossau für den laufenden Betrieb. Die Investitionen finanziert er ganz allein. Von den 16 Millionen Franken, die das Glühwürmchenprojekt kostet, ist denn auch erst die Hälfte finanziert. Den Rest will der Zoo im kommenden Jahr über Spenden und Gönnerbeiträge zusammenbringen.

Wieso geht Karin Federer dieses Risiko ein? Für die Walter-Zoo-Chefin ist das Glühwürmchenprojekt ein Beispiel dafür, wie sich Zoos verändern: „Sie sind kein Ort mehr, an dem man einfach nur Tiere anschaut.“ Das gilt auch für die neue Glühwürmchenhöhle. Der Rundgang wird bei den australischen Glühwürmchen beginnen und endet bei den Schweizer Glühwürmchen. Sie sind – im Gegensatz zu ihren australischen Verwandten – stark gefährdet. „Wenn es so weitergeht, könnte die nächste Generation sie kaum noch erleben“, sagt Federer.

Dafür verantwortlich ist die Lichtverschmutzung in der dicht besiedelten Schweiz. Strassenlaternen, Fassadenbeleuchtungen und Gartenlampen überstrahlen die Lichtsignale der Glühwürmchen, die sich deshalb nicht mehr zur Paarung finden. In der Schweiz gibt es seit Mitte der 1990er-Jahre keinen Quadratkilometer mit vollständig dunklem Nachthimmel mehr. Selbst in den abgelegensten Bergtälern ist es heute für die Glühwürmchen zu hell.

Deshalb will der Walter Zoo gemeinsam mit dem WWF erforschen, wo und in welchen Lebensräumen es noch Glühwürmchen gibt – und die Besucher in Gossau mit einem einfachen Appell verabschieden: Lichter löschen, bitte!

Bericht von Simona Boscardin in Die Zeit vom 30.12.2025

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